Schienenersatzverkehr – wie funktioniert das eigentlich?
An diversen Stellen wird immer wieder darauf hingewiesen, dass das Schienennetz in Deutschland marode ist und massiver Sanierungsstau an verschiedenen Gewerken besteht (etwa Brücken, Tunnel, Oberbau, Oberleitungsanlagen, Leit- und Sicherungstechnik). Hinzu kommen diverse Infrastrukturprojekte zum Ausbau der Kapazitäten und des Angebots auf der Schiene, darunter auch Großprojekte wie etwa die Elektrifizierung der Eifelstrecken, der Ausbau südlich des Abzweigs Gummersbacher Straße oder der Stammstreckenausbau in Köln. Zur Sanierung und Erweiterung des Netzes wurde plakativ das „Jahrzehnt der Baumaßnahmen“ ausgerufen.
Wer als Fahrgast mit dem Zug unterwegs ist, sieht diesen Bedarf aufgrund der Schwächen der heutigen Infrastruktur sicherlich ein. Doch wenn gebaut wird, bedeutet dies auch Einschränkungen des Betriebs. Sofern keine Umleitungen auf der Schiene möglich sind, kommt es bei Baumaßnahmen in der Regel zum berühmt-berüchtigten Schienenersatzverkehr (SEV). Die konzeptionelle Planung von Ersatzkonzepten liegt hierbei bei den Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) in Abstimmung mit den Angebotsplanern bei go.Rheinland.
Doch wie genau wird der SEV eigentlich organisiert? Dies möchten wir anhand des konkreten Beispiels des SEV für die RB 25 zwischen Overath und Lüdenscheid einmal skizzieren.
Erstellung von SEV-Konzepten

Am Anfang steht die Frage des Konzepts auf der Schiene. Von der DB Netz AG angekündigt waren in den Vorprozessen (Vorlaufzeit mehrere Jahre) mehrere Maßnahmen auf der Oberbergischen Bahn, als Hauptmaßnahme die Erneuerung von zwei Brücken zwischen Overath und Engelskirchen vom 22. Juni bis zum 16. Oktober 2023. Hierfür war eine Vollsperrung der Strecke im entsprechenden Abschnitt vorgesehen, was konzeptionell eine zweigeteilte RB 25 bedeutet hätte: Köln Hansaring – Overath und Engelskirchen – Lüdenscheid, SEV wäre dann zwischen Overath und Engelskirchen notwendig gewesen.
Aufgrund der seit dem 02. Juli 2022 gesperrten Volmebrücke in Lüdenscheid-Brügge, eine Spätfolge der Flut aus dem Juli 2021, war jedoch auch die Strecke von Brügge nach Lüdenscheid und Hagen unterbrochen. Dies hatte den entscheidenden Nachteil, dass der Streckenabschnitt Engelskirchen – Brügge isoliert vom restlichen Netz war, sodass die Fahrzeuge der RB 25 ihre Werkstatt in Köln-Deutzerfeld nicht erreichen konnten. Da ein Linienbetrieb unter diesen Umständen nicht möglich war, verlängerte sich der Ausfallabschnitt auf Overath – Lüdenscheid. Für diesen Streckenabschnitt musste also ein SEV-Konzept entwickelt werden.

Zu erbringende Ersatzverkehre sind grundsätzlich in den Verkehrsverträgen mit den Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) geregelt. Dabei gelten je nach Vertrag unterschiedliche Regelungen. Im Vertrag der RB 25 (Kölner Dieselnetz) ist das EVU DB Regio dazu verpflichtet, entsprechende Ersatzverkehre auf dem Ausfallabschnitt anzubieten, was letztlich in erster Linie einen 1:1-Ersatz der Zugleistungen bedeutet.
Zur Entwicklung des Fahrplans kommen bei großen Maßnahmen zunächst das EVU und die beteiligten Aufgabenträger (hier go.Rheinland und NWL) zusammen, um das Grundgerüst abzustimmen. Es wurde schnell klar, dass auch ein Schnellbusangebot sinnvoll ist. Hier wurde ein Konzept entwickelt, das einen stündlichen Schnellbus von Overath bis Gummersbach ohne Zwischenhalt über die A 4 vorsah. Ab Gummersbach wurde dieser Schnellbus weiter nach Lüdenscheid verlängert (Gesamtfahrzeit Overath – Lüdenscheid etwa zwei Stunden). Die Fahrzeiten für die Busse wurden von DB Regio ermittelt.
Da sich die Kosten des Schnellbusses nicht in Gänze aus dem Verkehrsvertrag ergab, waren Nachverhandlungen über die anteilige Kostenübernahme durch go.Rheinland erforderlich, wobei letztlich eine pragmatische Einigung mit DB Regio erzielt wurde.
Nach der Erstellung der Grundkonzeption folgten die Detailplanungen. Hier wurden unter anderem die Verkehrszeiten, die Übergangszeiten von Bus auf Zug oder die Sicherstellung der letzten Reisekette geplant. Da es sich um eine besonders große Baumaßnahme handelte, führte go.Rheinland Gespräche mit den betroffenen Kreisen (hier: Rhein-Sieg-Kreis, Rheinisch-Bergischer Kreis, Oberbergischer Kreis), um auch lokale Interessen berücksichtigen zu können, etwa die zielgerichtete Einrichtung zusätzlicher Busleistungen für den Schülerverkehr.
Nachdem der Fahrplan stand, konnte die Busleistung schließlich durch das EVU ausgeschrieben werden. In diesem Fall hatte nur ein Busunternehmen ein Angebot gemacht und damit den Zuschlag erhalten. Vor dem Start des Ersatzkonzeptes organisierte go.Rheinland noch ein Auftaktgespräch zwischen Aufgabenträger, Eisenbahnverkehrsunternehmen und Busunternehmen, um letzte Details zum Start zu klären.
So werden die Fahrgäste informiert

Neben der Planung des Angebots ist die Baustellenkommunikation essenziell. Hauptbestandteil der Kommunikation sind Informationen über das Ersatzkonzept sowie die Wegeleitung infolge von Schienenersatzverkehren.
Organisatorisch liegt dieser Part bei der Stabstelle “Baustellenmanagement, -koordination und -kommunikation” von go.Rheinland. Zum kommunikativen Teil der Ersatzkonzepte zählen eine frühzeitige Ankündigung der Maßnahme sowie eine detaillierte Darstellung der alternativen Reisewege. Die Aushangplakate sollen in der Regel mindestens zwei Wochen vor Maßnahmenbeginn veröffentlicht werden, sofern keine Verzögerungen im Prozessablauf vorliegen. Die Plakate werden sowohl physisch an den betroffenen Haltestellen, als auch digital (www.zuginfo.nrw) bereitgestellt.
Die Informationen rund um die SEV-Wegeleitung beinhalten eine Orientierung und Hilfestellung zur Erreichung der Ersatzhaltestelle. Zusätzlich werden bei großen Baumaßnahmen auch Reisendenlenker*innen und Baustellenbotschafter*innen eingesetzt. Weitere Arbeitsschwerpunkte sind das Monitoring der Eingabe für die Fahrplanauskunft und (digitalen) Anzeiger.

Einsatz von Profitester*innen zur Qualitätskontrolle
Bei längeren bzw. wiederkehrenden Baumaßnahmen wird der SEV durch Profitester*innen von go.Rheinland getestet. So kann bei Bedarf nachgesteuert werden und die Erfahrungen können für künftige SEV-Konzepte genutzt werden. Die Profitester*innen nehmen zum einen die SEV-Haltestellen unter die Lupe und schauen insbesondere, ob die Ersatzfahrpläne aktuell und Reisendenlenker*innen vor Ort sind. Zum anderen fahren sie mit den SEV-Bussen, um u.a. die Zuverlässigkeit und die Auslastung zu prüfen. Werden Mängel festgestellt, kann go.Rheinland als Auftraggeber schnell eingreifen und Verbesserungen erzielen.